Sonntag, 28. Mai 2017

Leinenborten im historischen Kontext.

Es gibt sie ja immer wieder, die Diskussion, welche Materialien damals beim Brettchenweben verwendet wurden und somit auch heute bei Rekonstruktionen verwendet werden können (es geht wie üblich um die Zeit bis ca. 1600 nach Christus, danach kam das Brettchenweben in Zentraleuropa aus der Mode).

Zu Wolle und Seide gibt es ja unzählige brettchengewebte Funde, aber was ist mit brettchengewebten Borten aus Leinen (oder anderem pflanzlichen Material)?

Zum einen muss man bedenken, dass man Leinen nicht so gut färben konnte wie Wolle oder Seide. Man konnte es blau färben oder ein helles rot, aber für alle anderen Farbtöne habe ich leider noch keinen Fundbericht auftreiben können.

Die früheste Leinenborte kommt aus der latènezeitlichen Nekropole von El Cigarralejo (Spanien), die als Kante an einem Leinentuch war. Die Borte wurde mit 33 Brettchen gewebt. Das Fundmaterial gibt nicht genug her, um zu sagen, ob es eine Anfangskante oder eine Seitenkante war.
Mit ca. 1,4 cm Breite und ungefärbt war sie nicht so auffällig wie viele andere Randborten. 



Danke an Barbara Köstner für folgende Information über eine brettchengewebte Borte:

Zweeloo, NL, 450 n.Chr., Gewebekante eines leinernen Diamantköpers, Leinen einfarbig, wohl ungefärbt, min. 12 Brettchen, durch Korrosion an den Verschlüssen der auf den Schulter sitzenden Fibeln erhalten. Lit.: S.Y. Vons-Comis, Een nieuwe reconstructie van de kleding van de Prinses van Zweeloo. In: Nieuwe drentse volksalmanak 105, 1988, 151-187.



Aus dem 15. Jhd. gibt es die sog. Stola des heiligen Adalrich. Die Kette ist aus weißem und blauen Leinen, insgesamt 35 Brettchen und mit Wolle broschiert worden. 




Mehr reine Leinenborten kenne ich nicht. Es soll noch eine  mittelalterliche Borte aus Polen geben, die auch aus Leinen gefertigt wurde, aber dazu habe ich noch keine weiteren Informationen gefunden.
Wenn jemand weitere 'sachdienliche Hinweise' zu reinen Leinenborten hat, würde ich mich sehr freuen.




Es gibt natürlich noch Borten, in denen der weiße/helle Faden Leinen ist und das gefärbte Material Wolle. Somit wurden die Brettchen mit zwei verschiedenen Sorten aufgekettet.

Da wäre z.B. eine Borte vom Wagen aus Hochdorf, das Stirnband aus Moscevaja Balka, eine Köperborte aus Mammen, alle in Kombination mit Wolle. Zudem gibt es z.B. aus Birka auch Funde bei denen Leinen in Kombination mit Seide verwendet wurde.

Literatur:
Hundt, H.J., Die verkohlten Reste von Geweben, Geflechten, Seilen, Schnüren und Holzgeräten aus Grab 200 von El Cigarralej, 1968 aus Madrider Mitteilungen, 9.1968
Brigitta Schmedding, 'Mittelalterliche Textilien in Kirchen und Klöstern der Schweiz', Bern 1978
S.Y. Vons-Comis, Een nieuwe reconstructie van de kleding van de Prinses van Zweeloo. In: Nieuwe drentse volksalmanak 105, 1988, 151-187. 

Kommentare:

  1. Betr. der polnischen Borten: laut Crowfoot, Prichard & Stanisland - Finds from London, soll es " two linen tablet-woven cingula... from among the large group of liturgical vestments from the Marienkirche, Gdansk... similarely brocaded" geben.
    Literaturangabe ist: Mannowsky, Walter: Der Danziger Paramentenschatz (1938), V, 15, no 213, fig 139.
    Leider hab ich im Moment keine Gelegenheit, mir das Buch anzusehen, auch wenn es in Basel ganz in der Nähe liegt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Uiiii, danke, das Buch gibt es auch bei meiner Uni-Bib. Das werde ich mir dann beim nächsten Besuch ausleihen.
      Danke für den Tipp!

      Löschen
  2. Nach Crowfoot (in Antiquaries Journal 36, 1956, p. 188-189) gibt es ein kleines Bortenfragment aus einem Grab des angelsächsischen Gräberfeldes Laceby, England. An einer Fibel wurde das Fragment eines leinenen Bandes gefunden (Material bestätigt vom Shirley Insitute, Manchester), welches wahrscheinlich als Mantelborte diente. Der mittlere Musterteil ist in Leinenbindung und 2-farbig gewebt (mit Brettchen möglich zu weben), der Randstreifen in Schnurbindung über je 2 Brettchen.

    AntwortenLöschen
  3. Claudia Holze-Thier18. Juni 2017 um 11:58

    Eine Borte aus reinem Leinen habe ich nicht gefunden, aber auf dem Kopfreliquiar der Hl. Birgitta im Dom von Turku befindet sich eines mit einem sichtbaren Schussfaden aus dickerem Leinengarn, während die Kette aus dünner Seide besteht: http://www.sarks.fi/masf/masf_3/MASF3_01_Karttila.pdf
    Gruß, Claudia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für den Artikel, der ist ja generell sehr interessant!

      Löschen