Donnerstag, 16. Juni 2016

Urban Legends beim Brettchenweben, Teil 2

Es gibt frühmittelalterliche slawische Borten, die in Doublefacetechnik brettchengewebt sind.

Ähhhh, nein. Stimmt so nicht.

Fangen wir doch mal mit der Definition von Slawen an, ich zitiere für die Westslawen Wikipedia:

Als Westslawen werden zusammenfassend jene slawischen Völker bezeichnet, die bis ins frühe Mittelalter in den Gebieten zwischen den Flüssen Elbe und Saale im Westen, den Prypjetsümpfen im Osten, der Ostsee im Norden und der Theißebene im Süden siedelten

(mit Ländernamen ist es schwer zu fassen, aber es umfasst einen Großteil von Polen, die deutsche Ostseeküste und die Grenzregionen einiger Anrainerstaaten)

Die Ostslawen sind nicht so einfach zu fassen, schon gar nicht im Frühmittelalter, weil es dort wenige Erwähnungen gibt. Für das Hochmittelalter werden sie laut Wikipedia in folgendem Gebiet angesiedelt:

Das Siedlungsgebiet der Ostslawen erstreckte sich im Hochmittelalter von Ostpolen bis zum Schwarzen Meer im Süden und dem Ilmensee im Norden. Sie grenzten im Westen an westslawische, im Nordwesten an baltische, im Norden und Nordosten an finno-ugrische, im Süden an turkstämmige und im Südwesten an südslawische Stämme.

(hier kann man Rumänien, Serbien, Ungarn und Teile Ukraine als Siedlungsgebiet bezeichnen.)

Damit ist klar, dass wir hier von einem sehr großen Gebiet sprechen, was außerhalb der 'normalen' zentraleuropäischen Gebiete liegt.

Und doch kenne ich aus diesem Gebiet nur ganz wenige brettchengewebten Borten aus dem Frühmittelalter.

Peter Collingwood erwähnt zwar in seinem Buch 'The Techniques of Tablet Weaving' einen Fund aus Pilgramsdorf, Polen, der in Köpertchenik gewebt wurde, aber der wird ins 4. Jhd. datiert.

Am westlichen Rand Oldenburg / Burg Staringard gibt es ein einigen sehr reich ausgestatteten Adelsgräbern Fragmente von mit Goldlahn broschierten Borten. Hier wurde aber die Herkunft der Borten in Frage gestellt und vermutet, dass es sich um Importware handelt.

Es gibt 2 Funde aus Gruczno aus dem 11. Jhd.. Es handelt sich um aufwändig broschierte Seidenbänder, die allerdings aus Byzanz importiert wurde und in reich ausgestatteten Gräbern gefunden worden. 

Einen Fund gibt es aus Chernigov, Ukraine aus dem 10. Jhd. aber dieser wird eher den Rus zugeordnet.

Das Gräberfeld aus Ladoga/Russland hat skandinavischen Ursprung und das war es auch schon an Borten, die ich aus der Zeit und aus der Region kenne.

Östlich gibt es natürlich noch die Funde aus Moscevaja Balka des 7./8. Jhd. verfehlt aber slawische Gebiete mal eben um 1.000 Kilometer Luftlinie... 
Aber das Motiv einer Borte aus Moscevaja Balka wurde auch in Maaseik und in Chelles verwendet, deswegen wurde dieses Muster lange Zeit als 'Allzweckwaffe' im Frühmittelalter empfohlen.

Somit sind die wenigen Funde, die es aus dem slawischen Gebiet gibt, kostbare broschierte Arbeiten, die vermutlich der Elite vorbehalten waren.
 
Aber wie kommt man nun auf die Idee, dass es aus dieser Region frühmittelalterliche brettchengewebte Borten in Doublefacetechnik gibt?

Ich vermute, dass dieser Blogeintrag aus dem Jahr 2010 schuld ist. 

Es geht um eine brettchengewebte Borte aus Breslau/Polen, die dem 12./13. Jhd (also dem Hochmittelalter) zugeordnet wird. Und wie sehr viele Borten aus der Zeit ist das Original broschiert. Das wird in dem Blogeintrag deutlich gesagt, aber wer liest schon den polnischen Text?
Ausschnitt aus der Musteranleitung

Aber in dem Blogeintrag wird das Muster als Doubleface nachgewebt und seitdem tauchen überall ähnliche Rankenmuster auf, die als 'slawisch' bezeichnet werden.

P.S.: die traditionellen Bandgewebe aus dieser Region stammen aus dem 18./19. Jhd.

Literatur:
Peter Collingwood, 'The techniques of tablet weaving'  
Anna A. Ierusalimskaja, Die Gräber der Moscevaja Balka, München 1996
Archaeological Textiles Newsletter Nr. 47  Kirill Mikhailov 'New finds of Viking Age textiles in Ukraine and Russia'
S. I. Kochkurkina, O. V. Orfinskaya. TEXTILES FROM LADOGA BURIAL MOUNDS (A RESEARCH IN TECHNOLOGY)
Małgorzata Maria Grupa  “Jedwabne wstążki z wczesnośredniowiecznego Gruczna”
Gabriel I., Kemke T.: Baubefunde, in: Starigard/Oldenburg, Ein slawischer Herrschersitz des frühen Mittelalters, Hrgs.: Michael Müller-Wille, Neumünster 1991 (besitze ich leider nicht)



zuletzt bearbeitet: 21.06.2016

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