Donnerstag, 30. Juli 2015

Halberstadt - die Umsetzung

Als ich im letzten Jahr die Möglichkeit hatte, im Domschatzmuseum in Halberstadt zu fotografieren, habe ich mich auf die brettchengewebten Borten konzentriert. Über 100 Bilder sind es geworden.

Die meisten habe ich von dem Altartuch (Ende 14. Jahrhundert) gemacht, da man in diesem Tuch über 20 Meter Borte 'verarbeitet' hat.

Es gibt leider nur wenige Bilder von dem ganzen Tuch, im Internet nur in der Deutschen-Digitalen-Bibliothek.
Aber keins kann man zur Rekonstruktion der Borte heranziehen. Nachdem mir das Museum die Gelegenheit gegeben hatte, eigene Bilder zu machen, hatte ich hochauflösende Fotos, wo ich die einzelnen Fäden zählen konnte.

Ursprünglich wird das Band wohl mit Goldlahn broschiert gewesen sein, denn es gibt immer noch einige Stellen, die glitzern. Aber viel ist nicht mehr zu erkennen, da das Altartuch in den letzten Jahrhunderten intensiv genutzt wurde und die Borte sehr gelitten hat.


Es geht hier um die Mustersequenz 3. Diese ist an einigen Stellen so abgenutzt, dass die Broschierung teilweise vergangen ist und man das Grundgewebe erkennen kann:

Es sind hier genug Details zu erkennen, um das Muster zu entwickeln:


Doch irgendwie hatte ich zu viele andere Projekte, um weiter an dieser Sache zu arbeiten. Bis ich dann letztens etwas brauchte, wo ich mit 'gröberem' Material arbeiten konnte.
Da das Original etwa 2,0 - 2,5 cm breit ist (leider verhinderte eine Glasplatte im Museum das genaue Ausmessen), konnte ich Seide in der Stärke NM11 verwenden.
Ich habe mich hier gegen naturgefärbte und für chemisch gefärbtes Material entschieden, weil ich diese Borte nicht verwenden werde, sondern verschiedene Dinge ausprobieren will.

Zuerst probierte ich das Muster des Grundgewebes aus - das Muster stimmte, aber ich musste einen dünneren Schussfaden nehmen und etwas breiter weben, um die korrekten Proportionen zu erhalten. Als das stimmte, kam die Broschierung an die Reihe.

Der erste Faden war hellgeb, in der Stärke NM11

Altartuchborte Mustersequenz 3 ca. 2,3 cm breit


Das sieht zwar schon nicht schlecht aus, aber ganz zufrieden bin ich damit noch nicht, denn die Broschierung deckt das Grundgewebe noch nicht so ab, wie es im Original ist.
 
Deswegen habe ich den Broschierungsfaden gewechselt. Statt NM11 habe ich NM22 doppelt genommen. Das Ergebnis überzeugt:
Die roten Fäden zeigen übrigens an, wie viel ich in einer halben Stunde webe.

Hier noch ein Detailbild: oben mit zwei Fäden broschiert, unten mit einem.

Ich werde das Band auch noch mit Goldlahn (da ich keinen richtigen bekomme Japangold mit Reispapier und Maybe-Seidenseele) broschieren. Aber davon kommen später Bilder.

Und wenn man so ein Band fertig hat, wofür kann man es anschließend in einer Darstellung verwenden?

Im 14. Jahrhundert war es nicht üblich, die Kleidung mit brettchengewebter Borte zu verzieren. Die Gürtelmode war schmal und einfarbig siehe Erfunder Schatzfunde.
Also kann man es nehmen, wenn man im klerikalen Bereich etwas verzieren möchte. Wie z.B. ein Altartuch.


Bilder:

Alle selbst fotografiert. Das Original wurde mit Genehmigung des Museums veröffentlicht.
 

Literatur:

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Ich würde mich sehr über Quellen mit guten Abbildungen freuen.

Technik: komplexe Schnurbindung/Broschieren

Kommentare:

  1. Tolle Arbeit, gefällt mir sehr gut! Und Danke für die Bilder der weiteren Muster!

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    1. Dankeschön und ich freue mich, wenn jemand die Muster nachwebt!

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  2. Alexandra "LEXXi" Wedeken13. Oktober 2017 um 14:01

    Huhu!
    Vielen Dank für die ausführliche Erklärung.
    Ich habe gerade einen "Birkazopf" in Schnurbindung auf dem Rahmen und werde die oben beschriebene Broschurtechnik einfach mal auf dem letzten halben Meter ausprobieren. Da die Schnurbindung soweit ich es verstehe die gleiche ist (3 weiße und 1 dunkler Faden pro Brettchen) dürfte ich ein ähnlich schönes Ergebnis bekommen... hoffe ich ;-)

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